Thursday, November 30, 2006

Spam from Christ

I've got today a spam.

From: Christ
Subject: sorry for being so late

Friday, November 24, 2006

Brief an die Mächtgen dieser Welt

Liebe Politiker,

In den letzten Tagen, durch den Amoklauf eines Schülers veranlasst, loderte die Diskussion auf, ob man denn die gewaltthätigen Computerspiele verbieten solle (die seien ja der einzige wichtige Grund für die Catastrophe)

Ich freue mich ausgesprochen, dass Ihr die Gesellschaft so edelmutig zu verbessern strebt, indem Ihr diese Horrorkillerspiele verbietet. Aber es gibt da noch einiges zu tun, auch in anderen gefährlichen Bereichen unsres Lebens. Nehmen wir z.B. die Literatur - jenes Nest des Unheils, das uns von unserem Alltage ablenkt und ins Verderben sturzt, unter die Lupe.

Ich habe eine Liste von erschreckenden Sachen zusammengestellt, die man noch verbieten müsste, damit unsere Gesellschaft edel, tugendhaft, jungfräulich, glücklich und von der Schmach der Bildung verschont sein möge:

Goethe "Leiden des Jungen Werthers" - für eine schamlose Selbstmordpropaganda (die erfahrungsgemäß bestens funktioniert)

Goethe "Erlkönig" (eine subliminale Konkretisierung der Kinderpornographie, vgl: "Du liebes Kind, komm, geh mit mir! / Gar schöne Spiele spiel ich mit dir" und ferner "Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?" und ferner "Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; / Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt." . Ausserdem diskreditiert dieses Schmiertext die edle Rolle des Vaters als einer erziehender Instanz - im Gedicht reagiert er gar nicht auf die Hilfgesuche des Kindes und wenn sie beide zu Hause ankommen, ist das Kind bereits tot. Was ist denn das denn für eine Lügenschrift über die noblen Träger unserer Gesellschaft, die jeden Tag stundenlang Ihrem Nachwuchs Aufmerksamkeit schenken, anstatt sich in den Arbeitslabyrinthen zu verlieren und die Entfremdung des Kindes zu provocieren!).

Schiller "Räuber" - wie verhängnissvoll denn ist diese Destabilisation unseres treuen Glaubens an die Authoritäten, an unsere würdevollen Tugendträger, die unser Leben stets fort zu bewegen pflegen.

ETA Hoffman - dieser düstrer Mystiker, der unsere Kinder bereits in ihren zarten Jahren erschreckt und den Aberglauben stiftet.

Die Liste kann beliebig fortgeführt werden, Ihr seht ja, meine Ehrwürdigen Machtinhaber, es ist noch vieles zu tun.

Hochehrensvoll, Euer ich.

Tuesday, November 21, 2006

Unser Retter Sündenbock

Es ist immer wieder merkwürdig, wie schnell ein Sündenbock gefunden wird, und wie gerne man nach ihm in den weit entfernten Gefilden suchet.

Eine neue Gewalteruption in der Schule - diesmal in Emsdetten - ist kaum einen Tag alt geworden. Und schon ist der Schuldige parat. Die Computerspiele, nein die "Killerspiele" sollen es sein, die den Menschen in eine Sackgasse der Aggression hineinzuführen vermöchten. Die Killerspiele solle man verbieten, dann werde die Gesellschaft wieder in Ordnung sein.

Das Fremde wirkt immer befremdend. Die Schuld bei sich selbst zu suchen - was kann unerträglicher und unsäglicher sein? Nein, die Gesellschaft ist nicht schuld. Nein, die Lehrer sind nicht schuld. Nein, vor allem das Heiligste - die Eltern - sind nicht schuld. Schuld sind die Computerspiele - ein so weites Kampffeld für die nicht mehr so jungen Politiker. Weist man diesem entfernten Gebiet, ja dieser terra incognita, die ganze Schuld zu - und niemand von Betroffenen muss um des eigenen Gewissens leiden. Alle sind glücklich (wenn man es "Glück" nennen kann), alle sind ent-sorgt, alles kann weitergehen.

Die Lehrer werden ihren Unterricht weiterführen (ohne die persönliche Probleme der Schüler - der werdenden Menschen - richtig merken zu müssen).
Die Eltern werden weiter arbeiten (ohne ihren Kindern die Aufmerksamkeit zu schenken: "Wir arbeiten ja nur für unser Kind, für seine Zukunft. Da muss er schon damit rechnen, dass wir in ihn nicht so viel Zeit investieren können"). Jaja, die Ausreden, diese ständige Begleiter des Menschen.

Man verbietet die Spiele - bittesehr. Aber auch ohne Killerspiele werden Killer weiter existieren. Nicht weil sie von Natur aus so sind. Nein, eher weil wir sie so gemacht haben. Denn jedes gesellschaftliche Problem ist ein globales.

Friday, November 17, 2006

Der Stille seltsame Zerstörung

Bestimmt kennt Ihr es, mein werter Leser, dieses Momentum, als Ihr in der Bibliothek - in diesem Reich des schweigsamen Wissens - Euch verweilt und leise Eure elektronischen Briefe von dem anmutig leuchtenden Laptops Bildschirm abzulesen im Begriff seid. Doch ach! - unergründlich sind die Wege des Schicksals - es tut sich eine Flash-Werbung vor Euren frappierten Augen auf: und laute Musik erschallt in Hallen der Geräuschlosigkeit. Und eilt schon zielstrebgen Schrittes ein Bediensteter herbei, und ruft Euch auf, diesen Locus amoenus zu verlassen, indem er unübersehbar gestikulieret und seine Augen bedrohlich rollet. Und schon müsset Ihr fliehen, hinaus auf die des Regens müde Strassen. Wie schwer sind nicht die Mittel zu erwerben, mit den man zu den Quellen steigt, doch - ach! - versäumt man, des Laptops Klang zu zügeln, und schon ist man der Quellen entfernt, und des Wissens beraubt, wie der unvorsichtge Adam des Paradises.

Wednesday, November 15, 2006

Zeitloch ist gefunden! Eine kühle Rechnung.

§1. Laut dem Statistischen Jahrbuch der Bundesrepublik 2006 sieht ein Durschchnittsmensch 13 Stunden und 14 Minuten pro Woche fern. Das macht also 794 Minute, also 113 Minuten pro Tag. Behalten wir das mal im Hintersinn. Oder im Vordersinn - es kommt auf die Sinneskonstruktionen an (einige fühlen mit Herz, andere mit Bauch, wiederum andere schaffen es irgendwie, mit ihrem Hirn zu fühlen, und nennen es kategorisch "Vernunft"). Lassen wir das mal als eine Prämisse gelten.

§2. Das EU-Parlament streitet immernoch über die Werbepausen im Fernsehen. Das einzige, worauf die Abendländer sich geegnet haben, ist die komplette Länge der Werbungblocks pro Stunde = es sollen 12 Minuten Werbung pro 60 Minuten sein.

§3. Nun gehen wir mal zurück zu unserer Prämisse.
112 Minuten Fernsehrausch pro Tag sind so ca. 1 Stunde 53 Minuten. Erlauben wir uns mal eine Frechheit und Runden das mal ab, bis zu 2 Stunden.

§4. Nachdem wir uns die im §3. konkretisierte Frechheit erlaubt haben, können wir des ruhigen Gewissens anfangen zu rechnen. Pro Tag sitzt der Durchschnitts-Otto 2 Stunden lang vor der Glotze, davon also starrt er 24 Minute lang die Werbung an (zumindest soll anstarren, wie die Marketingabteilung eines jeden erfolgorientierten Senders hofft).

§5. Nachdem wir den Tageswerbungsverbrauch ausgerechnet haben, ist es leicht geworden, die Situation im Kontext der Zeit zu begreifen.

1 Tag = 24 Minuten Werbung
1 Woche = 168 Minuten = 2 Stunden 48 Minuten Werbung
1 Monat (optimistische 4 Wochen) = 627 Minuten = 10 St. 27 Minuten
1 Jahr (52 Wochen) = 7542 Minuten Werbung = 125 St. 42 Minute = 5,2 Tage
also in 10 Jahren sind`s 52 Tage Werbung
Und zu unseren 70 Jahren werden wir 364 Tage Werbung gesehen haben (denn bereits ein bauchlebender Säugling zählt zu dem Durchschnittmensch). Zu diesem reifen Alter hatten wir ein ganzes Jahr lang mit Unsinn verbracht.

Dazu waren wir optimistisch. Denn ein Monat ist nicht gleich 28 Tage...
Und das EU-Parlament kann sich für noch grausamere Strafen der Öffentlichkeit entscheiden.

Tuesday, November 14, 2006

Alles gute, lieber Georg Wilhelm Friedrich!

„Du darfst sie nicht verwechseln: Gogol mit Hegel, Hegel mit Bebel, Bebel mit Babel“, sagt man in Russland. Tatsächlich: was haben sie miteinander gemeinsam? Der erste und der vierte schrieben zwar auf Russisch, dafür aber in verschiedenen Jahrhunderten und über verschiedensten Dinge. Der zweite und der dritte lebten zwar in Deutschland, dafür war der eine Apologet des Deutschen Idealismus und der andere –.Mitbegründer der SPD. Was haben denn diese alle Menschen gemeinsam? Nunja, sie sind alle tot. Und Hegel am längsten. An diesem Dienstag ist er nämlich schon seit 175 Jahren als abwesend gemeldet. Und das wird gefeiert.

Ich verstehe den Sinn einer solchen Feier nicht. Gut noch, einen Geburtstag zu feiern. Aber den Todestag? Man wird nicht das Gefühl los, die Gesellschaft kann nicht ohne Leichenschmaus, sie möchte ihre hungrige Pietät in vollen Zügen ausleben. Eine Art nekrophiler Gargantua.

Also, was wissen wir über Hegel? Er war mal jung, hat Magister der Philosophie mit der Auszeichnung „Philosophiae multam operam impendit“ abgeschlossen (einige Biographen geben „nullam“ statt „multam“ an). Hat mit Hölderlin und Schelling um den Freiheitsbaum getanzt. Hat die kopflastige „Phänomenologie des Geistes“ geschrieben. Machte schale Witze über Katholiken, die Kothäufchen von hostienfressenden Mäusen anbeten. Folgte dem Ruf nach Schleiermachers Universität in Berlin. Starb schließlich an Cholera.

Da war noch was mit Dialektik, doch „who cares“. Zumal er für die klaren Termini „These, Antithese und Synthese“ die schrägen Begriffe „An-sich-Sein“, „Für-andere-Sein“ bzw. „Für-sich-Sein“ eingeführt hatte.

An sich ist Hegel bedeutend für die Entwicklung der europäischen Philosophie . Für andere ist er schwer lesbar. Und für sich hat er im philosophischen Pantheon noch zu Lebzeiten einen guten Sitzplatz reserviert. Was will man mehr?

Zu Geburtstag singt man „Happy Birthday“. Was singt man aber zu einem solchen Anlass?..

Friday, November 10, 2006

Des Selbstmords Countdown. Teil IV

Sieh an, sieh an. Der Gouverneur der Hauptstadtprefektur Tokyo, Shintaro Ishihara meldet sich zu Wort. "Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei diesen Briefen um das Werk eines Erwachsenen handelt, ist hoch. Der Stil, die klare Argumentationsfuehrung - alles spricht dafuer". Der Schreiber sympathisiere mit den Oepfern des Mobbings. Jedoch zu Eltern gehoere er wohl doch nicht. Denn mit diesem Brief provoziere der Autor ja die moeglichen, unkontrollierbaren Selbsmorde im ganzen Land. Eine Intention der Eltern kann es kaum sein, sagt der Chef "aus eigener Erfahrung als Vater".
"Man muss sich aufruetteln. Ohne "fighting spirit" wird man ja das ganze Leben lang von allen gequält, oder nicht?" - das sind die Schlusswoerter des Gouverneurs. Also, keine Sympatie mit diesen passiven Opfern des Mobbing. Nach dem Motto "Rette Dich selbst". Auch wenn der Bildungsminister sagt: "Die Gesellschaft steht hinter Dir".
Also, bewirkt der Brief, egal, wer auch immer ihn verfasste, eine grosse Bewegung im Lande. Brief-Terror, mit einer positiven Absicht - was für eine brilliante Idee!
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Des Selbstmords Countdown. Teil III

Die Eltern werden langsam unruhig. Und tätig. Sie heuern die Privatdetektive an, um die Mobbingfälle und Quälereien an Ihren Kindern zu verfolgen. Lange haben sie gebraucht. Lange haben sie Ihre Kinder ignoriert. Nun ist's die höchste Zeit.
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Des Selbstmords Countdown. Teil II

Am Donnerstag, dem 9. November erreichte den Bildungsminister ein neuer Brief, unterschrieben von einer Oberschülerin. Sie erklärt ihre Solidarität mit dem Autor der früheren Briefe und teilt mit, sie begehe ebenso am 11.11. den Selbstmord – wegen Bullying.
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Des Selbstmords Countdown.

Japan ist schockiert. Ein Selbstmordanschlag wird angekündigt. Für 11. November.

Der Bildungsminister, Bunmei Ibuki, bekam noch Anfang der Woche, am 07.11. einen Umschlag ohne Absender. Im Umschlag lagen mehrere Briefe. Der erste Brief, ein verzweifeltes Ultimatum, war an den Minister selbst adressiert. Der anonyme Autor gab sich für einen Schüler aus, der von seinen Mitschüler gequält und gedemütigt wurde, und zwar in solcher Intensivität, dass dem Schreibenden keine Wahl bleibe: falls die Quälereien nicht bis zum 11. November aufhören, werde er Selbstmord begehen. "Ich habe mich an die Lehrer gewendet, die haben mich ignoriert. Ich habe an meine Mitschüler gewendet, sie haben mich weiter gequält. Ich habe mich an meine Eltern gewendet, "Guduld, nur Geduld!", sagten sie mir. Alle haben mich im Stich gelassen", schreibt der Anonym.
Die weiteren Briefe sind ebenso wichtig: Im Brief an seine Quälgeister, und auch an die untätigen Klassenältesten ruft er sie auf, seiner Tat zu folgen: "Ihr alle habt mich getötet. Deswegen sollt Ihr alle auch sterben. Das ist meine letzte Bitte: am 12. November begeht Ihr alle den Selbstmord: durch Erdrosseln oder Erstechen mit einem Messer".


Dieser Brief ist auch bemerkenswert wegen des dort entworfenen Szenarios post mortem: Die Medien, der Bildungsausschuss, das Bildungsministerium, die Schulleitung und die Mitschüler werden die eigene Schuld eifrig auf die anderen abwälzen und die Gründe der Tat überall suchen, nur nicht bei sich selbst. Die offensichtliche Existenz des Bullying (Schuladaptation des Mobbing am Arbeitsplatz) wird überall dementiert werden, die Quälereien selbst werden hiermit aber nie. Diese hochgradige Gesellschafts-, aber auch Medienkritik weist auf die Ausweglosigkeit des Schreibenden einerseits, aber auch auf seine exzellente Strategie andrerseits hin: Nun ist jeder Versuch, eigene Schuld abzuleugnen, bereits entlarvt, noch bevor er artikuliert wurde. Mit billigen Schuldweiterleitungen kommt man jetzt nicht mehr davon. Denn es folgen bereits die weiteren Selbstmorde, und die Schulen zitieren - eigenlich! - den Brief des noch lebenden Selbstmörders, indem sie behaupten, "der Unfall hat nichts mit irgendwelchen Quälereien zu tun, Mobbing gibt's nicht bei uns" (wie es der Schulleiter der Hochschule in Kokurakita-ku (Nordkyushu) behauptet.


Die Briefe sind äußerst allgemein verfasst, auch der Briefstempel ist unleserlich, also wird der Brief an sich zu einem "pars pro toto", der Hilferuf entspringt den unzähligen Opfern des Bullying in ganz Japan. Die ersten Schritte sind bereits - ungewöhnlich schnell - unternommen: die Presse sucht nach den Mobbenden und Gemobbten im ganzen Land und jede Schule, in deren Schatten sich die Gewalt eingenistet hatte, fürchtet sich vor der Entlarvung. Der Bildungsminister ruft den anonymen Schreiber auf, sich zu besinnen, und zu verstehen, dass die Gesellschaft hinter ihm stehe und ihn unterstütze. Im Kontext der Briefe klingen diese hilflosen Floskeln geradezu zynisch.


Eigentlich muss jetzt auch kein Selbstmord mehr stattfinden, auch ist es nicht mehr relevant, ob die Briefe wirklich der Feder eines Schülers entstammen, oder doch deren Urheberschaft bei einem Journalisten, Politiker oder bei besorgten Eltern liegt - der Schneeball der Offenbarung rollt durch die Insel. Jeder fühlt sich angesprochen. Ob kein Selbstmord stattfindet oder doch eine Selbstmordlawine durch die gequälten Schulhöfe rollt - sicher ist, das Unausgesprochene ist endlich ausgesprochen, das Unkonkretisierbare konkretisiert, jegliche Mechanismen der Vertuschung gar prophezeit...